Kalksinter („Kalktuff“) aus Peratschitzen
- von Mag. Thomas Zeloth
Kalksinter
Bei dem in Peratschitzen über zwei Jahrtausende abgebauten Gestein handelt es sich um Kalktuff oder Kalksinter. Kalktuff, auch Quellkalk, Quelltuff oder Bachtuff genannt, ist ein noch junges, poröses, sekundäres Sediment. Die Entstehung in Peratschitzen verdankt es den Quellwasseraustritten aus den kalkreichen Drauschottern bei Wasserhofen. Nach dem das Wasser unter hohem Druck sehr viel Kalk aus dem Gestein löst, erfolgt der Austritt der Quellen mit relativ geringer Schüttung, dabei fällt der Kalk bei einer großen Verdunstungsoberfläche und unter Veränderung der Druckverhältnisse aus dem kalkhaltigen Wasser aus. Daraus entsteht, oft unter Einschluss organischer Materialen, ein leichter und poröser Stein.
Verwendung
Mit Steinen aus Peratschitzen wurden wahrscheinlich schon in vorrömischer Zeit gebaut. Die Verwendung des Kalksinters aus Peratschitzen ist aber mindestens seit der Römerzeit nachgewiesen. Über 600 Blöcke aus Kalksinter am Magdalensberg stammen aus dem rund 33 Kilometer Luftlinie entfernten Steinbruch. Verwendung fanden die Blöcke wegen ihrer leichten Bearbeitung vor allem als trapezoid geformte Steine in Torbögen, als Blöcke in Türleibungen und Eckmauerungen und als dünne Platten für die Abdeckungen bei den Warmluftheizungen (Hypocausten). Besonders feingearbeitete, große dünne Platten dienten als Brunneneinfas-sungen. Die früheste Verwendung am Magdalensberg datiert aus der augusteischien Zeit von 50 bis 15 v. Chr. Bemerkenswert ist auch ein römerzeitlicher Gräberfund mit Brandbestattung aus tiberische Zeit (14 bis 37 n. Chr.) bei Srejach, der wahrscheinlich mit dem Steinbruch in Zusammenhang steht. Aus dieser Zeit dürften auch verschiede Einbauten im Steinbruch stammen.
Die spätantike Verwendung der Steinblöcke ist in den Originalmauern der frühchristlichen Kirchen auf dem Hemmaberg nachgewiesen. Zahlreiche Kirchen der näheren und weiteren Umgebung von Peratschitzen sind aus diesem Material gefertigt. Nach der Kommerzialisierung des Steinbruchs, die spätestens am Anfang des 19. Jahrhunderts mit der gewerblichen Nutzung des Steins einsetzte, wurden damit zahlreiche Wohnbauten errichtet. Nach der Technisierung des Steinbruches in den 1920er-Jahren lieferte man die Steine bis nach Klagenfurt.
Die Abbaumethode im offenen Tagbruch hatte sich wahrscheinlich seit der Römerzeit bis ins 20. Jahrhundert kaum verändert. Mit Kreuzkrampen wurden rund 240 cm lange und 90 cm breite Quader erst freigehackt, dann parallel zur Schicht mit Eisenkeilen und Holzstangen abgehoben. Die Blöcke unterschiedlicher Mächtigkeit wurden mit groben Sägen zerteilt. Die Rohlinge, zum Teil in vorbestellten Größen, wurden dann mit Fuhrwerken über die Furt über die Drau an der Römerstraße zwischen Juenna (Globasnitz) und Virunum auf den Magdalensberg transportiert und dort dem Verwendungszweck entsprechend sehr exakt rechtwinklig behauen.
Bis in die Neuzeit erfolgte der Abbau sehr unregelmäßig, ging daher sehr in die Fläche und wenig in die Tiefe. Erst als der Steinbruch in den Besitz mehrerer Bewohner des Dorfes kam, wurde der Abbau geregelt. Die Initiative ging dabei vom Schloss Wasserhofen aus. Ein Ver-walter des Gutes begann mit dem geregelten Abbau in die Tiefe. Diesem Vorbild folgten einige Bauern, die ebenfalls Steinbrüche eröffneten, die sie aber bald aufgaben. Als einziger mit einem hoffnungsvollen Abbau von rund 10.000 Stück pro Jahr blieb um 1840 der Bauer Lukas Brunner vlg. Stuck übrig. In der folgenden Zeit dürfte sich der Tuffstein unterschiedlicher Beliebtheit erfreut haben.
Mit der Eröffnung der Kärntner Bahn im Jahre 1863 kam ein neuer Aufschwung. Da der Bahnhof in Kühnsdorf nur rund drei Kilometer entfernt liegt, konnte man nun die Steine relativ rasch und kostengünstig bis nach Klagenfurt transportieren. So bestanden die Arbeiterwohnhäuser der Bleiweißfabrik Herbert in der Villacher Straße aus diesem Baumaterial, auch der Aussichtsturm am Kreuzbergl in Klagenfurt wurde teilweise mit Kalksinter ausgeführt.
Von der Genossenschaft zur „Wasserhofner Tuffsteinwerke Aktiengesellschaft“
Nach der Wende zum 20. Jahrhundert dürfte die Nachfrage nach den Natursteinen gesunken sein. Die Konjunktur setzte wieder nach dem Ersten Weltkrieg ein und stand im Zusammenhang mit den Siedlungsgenossenschaften. Die Siedler der Siedlungsgenossenschaft Heimstätte erhielten einen Bauplatz im Norden von Klagenfurt zugewiesen und errichteten die Eigenheime selbst. Zur Errichtung der Einfamilienhäuser wurde preisgünstiges Baumaterial gesucht, das man im Steinbruch in Peratschitzen fand. Für die Beschaffung von Baustoffen wurde eine eigene „Bau- und Baustoffgenossenschaft der Heimstättensiedler“ gegründet. Diese erwarb die Abbaurechte im Steinbruch in Peratschitzen und begann im 1921 mit der Erschließung des Steinbruches und mit dem Abbau. Die Bau- und Baustoffgenossenschaft beschäftigte 35 Mitarbeiter und erzeugte im Jahre 1922 in Handarbeit 1.500 Kubikmeter Kalksinter. Allerdings scheint die Genossenschaft bald an ihre finanziellen Grenzen gekom-men zu sein, vor allem musste der Steinbruch vom Handbetrieb auf den maschinengestützten Abbau umgestellt werden. Für die Kapitalbeschaffung wurde daher 1923 die „Wasserhofner Tuffsteinwerke Aktiengesellschaft“ mit Sitz in Klagenfurt gegründet und von der Familie Jernej in Peratschitzen die Rechte am Steinbruch erworben. Die Aktiengesellschaft erzeugte auch Kunststeine, führte Steinmetzprodukte und handelte mit Baustoffen. Das Unternehmen hatte Verkaufsstellen in Klagenfurt und in Annabichl betrieb sie die „Kärntner Tuffsteinmetzerei“.
Schon vor der Gründungsversammlung wurde die erste maschinell betriebene rotierende Säge an einem Schwenkarm („Balanciersäge“ genannt) eingesetzt. Die Balanciersäge schaffte rund 40 Kubikmeter Tuffbausteine pro Tag. Nach dem Schneiden war eine weitere Bearbeitung nicht notwendig. Für den Transport der Steine baute die Aktiengesellschaft eine Schienenrollbahn mit Spurweite 60 Zentimeter als Verbindung zum Bahnhof Kühnsdorf, die 1923 bereits 1.200 Meter lang war und bis zur ehemaligen Zuckerfabrik und Brennerei unter dem Schloss Wasserhofen reichte. Allerdings gerieten Aktiengesellschaft und Baustoffgenossenschaft bald in finanzielle Schwierigkeiten. Die Baustoffgenossenschaft musste schon im September 1923 Insolvenz anmelden. Im Jahre 1927 wurde die Genossenschaft „Heimstätte“ aufgelöst.
Das Unternehmen und der Steinbruch konnten nach dem Ausgleich weitergeführt werden und im Jahre 1929 erfreute sich Kalksinter eines „lebhaften Absatzes“, vor allem als Baustoff für Einfamilienhäuser. Die Wirtschaftskrise nach 1929 dürfte diese Konjunktur unterbrochen haben. Größere Nachfrage hatte noch das so genannte „Tuffmehl“ als Bestandteil für Kunstdünger. Aus der Klagenfurter Aktiengesellschaft wurde ein weitgehend lokales Unternehmen. Die Aktiengesellschaft produzierte noch in den 1930er-Jahren, wurde aber im Dezember 1938 liquidiert.
Blick in den Steinbruch: Die Balanciersäge im Einsatz, um 1933 (Kärntner Landesarchiv) | Der Steinbruch im Kartenbild des Franziszeischen Katasters (links), um 1830 |
Quellen und Literatur:
Kärntner Landesarchiv
Franziszeischer Kataster, KG St. Marxen, Schätz- und Parzellenprotokoll
Kärntner Landesregierung, Allgemeines Protokoll, Schachtel 1050
Landesgericht Klagenfurt
Firmenbuch
Friedhelm Thiedig / Erich Wappis, Römisches Bauen aus naturwissenschaftlicher Sicht in der Stadt auf dem Magdalensberg in Kärnten, in: Carinthia II 193/113 („003), S. 33–128.
Ignaz Rabitsch, Ein Beitrag zur Landeskunde, in: Carinthia 1843, Nr. 1, S. 1 ff.
Abbildungen und Abbildungstexte
Peratschitzen FK.jpg
Der Steinbruch im Kartenbild des Franziszeischen Katasters (links), um 1830
(Kärntner Landesarchiv)
Jilg NL 1933 4-3-114 Tuffsteinbruch_002
Blick in den Steinbruch: Die Balanciersäge im Einsatz, um 1933 (Kärntner Landesarchiv)